deutsche perspektiven
seit über 100 jahren.


Copyright by symlynX.


Reproduction of up to 777 bytes is authorized, provided the source is acknowledged, save where otherwise stated.

About us / Impressum


Follow us on Facebook or Twitter for new stories.

german.pages.de

Syrien: das Problem der Flüchtlinge



Damaskus ist eine für arabische Verhältnisse reiche Stadt. In vierzig Jahren Assad-Herrschaft konnte sich eine geschäftstüchtige Mittel- und Oberschicht etablieren, die ähnlich wie in China lebte, getreu dem Prinzip: Geschäfte sind gut, Politik nicht. Wer das Regime nicht hinterfragte und brav dessen Version der Weltanschauung akzeptierte, war frei.

Die staatstragende Mittelschicht ist vornehmlich sunnitischer Religion, obwohl der Staat selbst von Aleviten (Alawiten) dominiert wird. Dieses bewährte Gleichgewicht der Religionen ist durch den Bürgerkrieg in Frage gestellt und in den Provinzen weitgehend zerstört worden.

Gegenwärtig vollzieht sich dieser Bürgerkrieg auf mittlerer Flamme. Keine der beiden Seiten ist im Vorteil. Während die Regierung klar das Kampfgeschehen dank überlegener Waffen dominiert, gelingt es den Aufständischen, das wirtschaftliche Fundament des Staats auszuhöhlen. Die Waffenausstattung der Regierung kostet Millionen an Unterhalt und Nachschub. Die Wirtschaft des Landes lahmt. Irgendwann wird die Regierung trotz militärischer Überlegenheit stürzen, weil sie finanziell ausgeblutet ist.

Die Assads, wohl wissend, dass ihnen die Zeit davonläuft, versuchen verzweifelt, den Aufstand zu ersticken, bevor sie pleite sind und der reiche Allierte in Teheran die Lust verliert, das Defizit vermutlich durch Gold- und Bargeldlieferungen zu decken, da ja den iranischen Banken wegen der Sanktionen fragwürdige Geldtransfers verwehrt sind. Auffällig ist jedenfalls, dass Iran in den ersten sieben Monaten dieses Jahres für 6,5 Milliarden Dollar Gold in der Türkei gekauft hat, hauptsächlich in Barrenform. Die türkischen Händler fragen sich, wofür eigentlich.

Präsident Morsi von Ägypten hat sich klar für die Aufständischen ausgesprochen und damit die sunnitische Allianz von Saudi-Arabien, Qatar und der Türkei entscheidend gestärkt. Damit findet in Syrien jetzt die Entscheidungsschlacht zwischen den Sunniten und der schiitisch-alevischen Allianz von Iran, Irak, Syrien und Libanon statt.

Beide syrischen Gegner sind also weitgehend ferngesteuert. Ungeklärt ist die Frage, wie stark die USA in den Konflikt mit Hilfe ihrer Allierten Qatar und Saudi-Arabien eingreifen. Das amerikanische Nahziel ist die Schwächung Irans. Dieses Motiv verlangt nach Beseitigung der Assad-Herrschaft. Es besteht dabei die Gefahr, die Amerika den Fehler wiederholt, den es im Kampf gegen das sowjetische System in Afghanistan beging. Damals hat die CIA die Mujaheddin durch ihre Helfershelfer so lange mit Waffen und Geld aufgerüstet bis die Sowjets das Land verlassen mussten. Das Ergebnis hiess Al Qaeda.

Wer weiss denn, welches Ergebnis der Sieg der jetzigen Aufständischen in Syrien bringen wird? Das Beispiel Irak ist nicht ermutigend. Als Folge der alliierten Invasion und des Sturzes von Saddam Hussain sind nun die mit Iran befreundeten Schiiten in Bagdad an der Macht und leisten dem Assad-Regime in Syrien Hilfe. Mit al-Maliki haben die Amerikaner den Aufstieg einer neuen und leider wenig demokratischen Herrschaft im Irak ermöglicht. Wer wagt da noch, zu glauben, dass die Aufständischen eine Demokratie in Syrien einrichten werden?

Während die Syrer damit beschäftigt sind, ihre schönen alten Städte in Schutt und Asche zu legen, während allerorts alte Rechnungen beglichen und neue eröffnet werden, ergießt sich ein Flüchtlingsstrom aus dem Land.

Während des Irak-Krieges hat das Assad-Regime Hundertausende Iraker, überwiegend Sunniten und Christen, in vorbildlicher Weise aufgenommen. Nicht so freundlich sind jetzt Jordanien und die Türkei zu den Syrern. Die Verhältnisse in den Auffanglagern sind so schlimm, dass ein Teil der Flüchtlinge gleich wieder nach Syrien zurückkehrt.

Das ist nicht ungefährlich, denn Verwalter in den türkischen Lagern werden verdächtigt, die Personalien der Ankömmlinge der syrischen Regierung zu verkaufen. Deswegen versuchen viele Flüchtlinge, sich illegal der Registrierung zu entziehen.

In der türkischen Grenzprovinz Hatay mehren sich Klagen der Bevölkerung über die Überfremdung durch die Syrer und ihre Kriminalität. Man schätzt, dass sich 80.000 bis 100.000 Syrer in der Türkei aufhalten. Die Behörden versuchen, die Flüchtlinge zur Übersiedlung ins Landesinnere zu bewegen, doch mit wenig Erfolg.

Während reiche syrische Familien Wohnungen in Gaziantep oder Adana mieten oder kaufen, bleibt die große Zahl der mehr oder weniger Mittellosen in der Provinz Hatay nahe der Grenze, angeblich um leichter in die Heimat zurückkehren zu können, in Wirklichkeit wohl aber, weil in Hatay viel arabisch gesprochen wird.

Bis 1939 gehörte die Provinz, die sich wie ein türkischer Blinddarm entlang der syrischen Küste erstreckt, zu Syrien. Nach kriegerischen Wirren und einer angeblich gefälschten Volksabstimmung wurde Hatay von der französischen Mandatsmacht in Syrien der Türkei übergeben, in der Hoffnung, dass Ankara Front gegen Hitler machen werde.

Hatay gilt auf syrischen Landkarten immer noch als syrisches Gebiet. Ob dort inzwischen mehr ethnische Türken als ethnische Araber und Kurden leben, ist wenig gewiss. Jedenfalls bedeutet Hatay für die Flüchtlinge ein Stück Heimat, nur einen Katzensprung von Latakia und Aleppo entfernt.

Doch so einfach ist die Lage nicht. Denn die Mehrheit der Araber in Hatay sind Aleviten, und sie schätzen den Zustrom sunnitischer Flüchtlinge keineswegs. Hatay ist die nördliche Fortsetzung des großen alevitischen Siedlungsgebiets im Küstengebirge hinter dem Hafen Latakia. Hier fühlen sich die Aleviten sicher vor dem Hass der Sunniten, die die Mehrheit im restlichen Syrien stellen.

Ahmet Davutoglu, der türkische Aussenminister, stach in ein Wespennest mit seinem Vorschlag, Sicherheitszonen für Flüchtlinge entlang der Grenze innerhalb Syriens einzurichten. Davutoglus Motiv ist offiziell humaner Natur: den Flüchtlingen zu helfen. In Wirklichkeit möchte die Türkei verhindern, dass noch mehr Syrer nach Hatay einströmen. Die offizielle Zahl von 80.000 ist längst überholt. Wahrscheinlich befinden sich bereits 100.000 bis 120.000 registrierte Flüchtlinge und eine unbekannte Zahl Illegaler in der Türkei.

Sollte die Mehrheit von ihnen auf Dauer in der prosperierenden und sicheren Türkei bleiben wollen, gäbe das ein demografisches Problem. Schon vor dem syrischen Bürgerkrieg schätzte man, dass noch immer über die Hälfte der Einwohner Hatays Araber oder Kurden sind. Mit dem Zustrom der Flüchtlinge droht die türkische Sprache in die Minderheit gedrängt zu werden, und Ankara kann sich berechtigt sorgen, ob nicht nach Assads Sturz die neue syrische Regierung den nie aufgegebenen Anspruch auf Hatay erneut geltend machen wird.

Obwohl täglich hunderte Familien die Grenze überqueren, ist die jetzige Entwicklung für Ankara noch relativ freundlich, denn die sunnitischen Ankömmlinge stossen weder bei ethnischen Türken, noch bei den Arabern auf große Liebe. Das aber könnte sich ändern, sobald das Assad-Regime fällt.

Dann würden die Flüchtlingsströme wechseln. Statt Sunniten kämen dann die Aleviten, an denen die Sunniten Rache für vier Jahrzehnte Unterdrückung und die jüngsten Massenmorde des Regimes nehmen werden.

Trotz aller beschwichtigenden Erklärungen der Exilführung der Freien Syrischen Armee (FSA) ist mit pogrom-ähnlichen Ausschreitungen gegen die Aleviten zu rechnen. Ein großer Teil der Bedrohten wird in das alevische Stammland bei Latakia flüchten und dort möglicherweise einen eigenen Staat ausrufen; ein anderer Teil aber wird über die Grenze nach Hatay strömen und von den dortigen Aleviten freundlich empfangen werden, zum Verdruss der türkischen Behörden.

Seit den Tagen Atatürks versteht sich die Türkei als ein monolithisch türkischsprachiger und sunnitischer Staat. Die Christen — Griechen und Armenier — war man losgeworden, doch zwei Minderheiten existieren weiter und stören das türkische Idyll: die Kurden und die Alevis. Die Einen benutzen die falsche Sprache; die Anderen huldigen der falschen Religion. Beides ärgert die Türken ungemein. Beide Minoritäten zeigen sich hartnäckig unterdrückungsresistent. Das Letzte, was sich Ankara wünscht, wäre ein massenhafter Zustrom von arabischen Alevis aus Syrien. Zumal mit ihnen sicherlich auch noch unerwünschte Christen, Armenier und Kurden kämen.

Wie so oft, zeigt sich hier ein Widerspruch in Ankaras Politik. Einerseits hat man frühzeitig Front gegen Assad gemacht und den aufständischen Sunniten geholfen. Andererseits hat man nicht bedacht, dass dies zur Vertreibung der Aleviten, Kurden und anderen Minderheiten führen kann.

Demografisch betrachtet, ist damit zu rechnen, dass Aleviten aus Syrien gerne in der Provinz Hatay, dem alten syrischen Sancak Alexandrette, bleiben werden. Bei 1,5 Millionen Einwohnern ändern hunderttausend oder mehr Einwanderer schnell die Mehrheitsverhältnisse. Deswegen wird die Türkei energisch auf die Errichtung einer Schutzzone innerhalb Syriens drängen, damit sie die Grenzen für Flüchtlinge schliessen kann.

Egal, ob in Damaskus Assad oder die FSA regieren, der Einmarsch fremden Militärs zur Errichtung einer Schutzzone käme einer Kriegserklärung gleich.

Tweet this
Digg this
Flattr this
Stumble upon this
Make this delicious
Share this on Facebook



—— Ihsan al-Tawil